20. März 2010 - 30. Wehlener Bergtest

Gerade eben mal die Bilder angeschaut vom diesjährigen Wehlener Bergtest - huaaahh, war das alles nass… Was hatte ich für Schwein, dass ich an diesem Tag verhindert war (genauer gesagt musste ich mir den Frühling in Oybin anschauen) und deswegen beschloss, den Bergtest schon eine Woche eher zu laufen. Ein weiterer Vorteil war ohne Zweifel die supergeringe Beteiligung an diesem mittlerweile traditionellen 36km-Lauf an meinem Sonnabend - außer mir lief die Gesamtstrecke nämlich wahrscheinlich niemand…
Zur Tour: Praktischerweise besteht seit letztem Sommer ein Direktzugriff meinerseits auf eine der Schubertbauden oberhalb der Pension am Nationalpark in Wehlen, die das allgemeine Ziel der organisierten Wanderung darstellt. Ein guter Ausgangspunkt also. Freilich ist noch die übliche Trägheit am Morgen zu überwinden, aber schon Punkt 12 Uhr stehe ich auf dem Basteiparkplatz und biege über diesen in Richtung Schwedenlöcher ab. Tourkundige haben jetzt sicher schon festgestellt, dass ich den Bergtest „falschrum“ gelaufen bin.
Die Schwedenlöcher runter die reinste Rutschpartie, hört das nie auf mit diesem Winter? Schön vereist und ein Getropfe überall. Dafür geht’s ziemlich schnell, nach 20 Minuten bin ich am Amselsee. Pionierweg hoch, der Hockstein naht, hier war ich erst letztens im Herbst. Weiter die viel zu selten gegangene Wolfsschlucht ins Polenztal, sicher eine der schönsten Kaminstiegen im Gebirge (nach dem Aufstieg aufs Hermannseck, versteht sich…). Im Polenztal ist noch richtig Winter, der Weg vereist, dicke Tropfeiszapfen hängen in den Seitentälern und an den Wänden. Das Vorwärtskommen ist ein wenig beschwerlich. Eigentlich dachte ich immer, der Wehlener Bergtest wäre eine Frühlingstour. Da muss ich was verwechselt haben…
Da es schon etwas spät ist, beschließe ich, ein wenig zu bescheißen… Ohnehin ist die Tour in ihrem Verlauf ein wenig gezwungen, da müssen ein paar Abstriche drin sein. Statt also von der Waltersdorfer Mühle wieder nach Rathen zurück zu laufen (zur Erinnerung: vor einiger Zeit war ich am Amselsee), gehe ich den mir vollkommen neuen Mühlweg nach Waltersdorf. Dieses Dorf ist so schön, dass ich es auf der Straße in kompletter Länge durchquere. Blöderweise bin ich dann so im Tran, dass ich den Abzweig zum Lilienstein verpasse und einfach auf der Straße weiterlatsche. Tja - der Umweg lauert überall…
Also halb rum um den Lilienstein und den Nordaufstieg hoch. Immer wieder ein herrlicher Gipfel, für mich vermutlich der imposanteste Aussichtsfels des ganzen großen Gebirges. Alle Aussichten inspizieren, die ringsum auf den Wanderer lauern, dafür muss eine längere Pause drin sein. Nur den Funkturm sollte mal jemand umrunksen, der stört das Ambiente doch erheblich. Wenn dann noch jemand der Kneipe Bescheid sagen würde, dass man an sonnigen Frühlingstagen sehr nett Getränke und Mahlzeiten verkaufen kann und dafür sogar noch Geld bekommt wäre der Aufenthalt perfekt.
Apropos Mahlzeit: ich gehöre zu der Sorte Wanderern, denen ein gutes Frühstück für die nächsten 40 Kilometer reicht. Das heißt: im Normalfall nehme ich nix Essbares mit, in der größten Not wird da schon irgendwo eine Kneipe offen haben. Oder eben auch nicht… Servicewüste Deutschland. (Nachtrag: und außerdem ist es sinnvoll, mehr als 3,70 Euro bei sich zu haben, wie ich allerdings erst am Imbiss auf dem Königsteiner Dorfplatz feststellte. Naja, hat ja noch alles gelangt.)
Weiter zur Tour: Runter vom Lilienstein und über die Elbhangkante gehüpft. Der Fährmann wartet, er ist ein Guter. Auf dem Reißiger Platz endlich der schon erwähnte Mittagsimbiss für 3,70 Euro.
Auch in der folgenden Etappe glänzt der Bergtest durch eine bemerkenswerte Streckenführung. Etwas vereinfacht ist zu konstatieren, dass man von Königstein nach Königstein wandert, dazwischen liegen allerdings Schöne Höhe, Pfaffendorf, Pfaffenstein mit Aufstieg durchs Nadelöhr und der lange Vorbeimarsch am Quirl. Dann stehe ich wieder an dem ungefähr dem Platz, an dem ich zwei Stunden vorher gestartet bin. Nuja, war auch schön zwischendurch…
Vom Bielatal dann durch den Wald, vorbei an der herrlich gelegenen Latzhütte zur Festung Königstein. Die Sonne geht unter, es wird kühl, ich hab Durst, das Pfaffendorfer Quellwasser ist aufgebraucht, die Läden im neuen Parkhaus sind natürlich schon dicht.
Nächste Etappe: Unterquerung der B172, durch den Wald zum Ortsbeginn von Thürmsdorf. An der Bushaltestelle hat sich die Jugendbande Sächsische Schweiz recht sinnfrei verewigt. Was die wohl so tun, so als Bande in der Sächsischen Schweiz? Buden bauen vielleicht? Oder Staudämme? Rätselhaftes Treiben im Wald. Ich beschließe, ihnen heute nicht zu begegnen…
Thürmsdorf ist nicht so spannend, vor allem nicht im Dunkeln. Verstohlen halte ich Ausschau nach außen angebrachten Wasserhähnen, finde aber keine. Am Ortsausgang höre ich Kinder irgendwas in den Wiesen spielen.
Wo war jetzt noch mal der Weg zur Götzingerhöhle? Über die Straße und dann geradezu, oder? Da fühlt es sich unterholzig an. Egal, jetzt werden keine Kompromisse mehr gemacht. Querwaldein komme ich voran. Erwähnte ich schon meinen wachsenden Durst?
Der Gipfel des Kleinen Bärensteins wird gespart, so schnell es in der Dunkelheit geht strebe ich der Bärensteinscheibe entgegen. Eine Nachtbegehung ohne Lampe kommt mir kurz in den Sinn, verlässt das Hirn aber sofort wieder, ohne Spuren zu hinterlassen. Vom Naundorfer Feld dafür ein herrlicher Blick auf das Dresdner Elbtal. Der Sonnenschein in vollem Licht. Die letzten Meter gehen schnell, den Damengrund bin ich so oft gegangen, dass ich ihn auch blind finden würde. Der Geruch von Kühen auf der Weide, gesehen hab ich aber keine.
Zum Abschluß dann ein kleines Wunder: der Schrankenimbiss lässt mich nicht im Stich. Ein Hoch auf die lokale Gastronomie! Ein riesiges Wasser muss ich bestellen, zwei Biere kommen ungefragt. Man kennt sich halt. Danke dafür.

Ralf

30.01.2010: 32. Dresdner Wintertour

Man ist ja nichts mehr gewöhnt, absolut gar nichts.
Früh aufstehen zum Beispiel… Wie habe ich dass denn früher nur immer geschafft? Zur 8er-S-Bahn, die Kletterfreunde treffen hinter der Lok. Und damals wohnte ich noch in Hosterwitz, was nochmal zusätzliche 40 Minuten Bus zum Bahnhof Reick machte.
Heute muss es also mal wieder sein – meine erste „offizielle Sportwanderung“ schwirrt mir seit Tagen durch den Kopf – und Plan ist schließlich Plan. Also raus aus den Federn, ausreichend Kaffee in den Kopf gestellt und zum Bus. Um 10 Uhr schließt die Anmeldung, und ich habe das Gefühl, die meinen das auch so.

Halb zehn in Weißig an der Hutbergschule. Gefühlte 300 Leute drängeln sich um den Anmeldetisch, essen Würstchen, trinken Kaffee. Schnell drei Euro Anmeldegebühr hingelegt, dafür eine Stempelkarte für die Kontrollpunkte bekommen, noch eine Wanderkarte für die heutige Tour erworben – und ab die Post. Mittenrein in eine 50köpfige Wandergruppe. Also kurzer Sprint auf der Straße und vorbei. Man will ja auch vorankommen…
Endlich raus aus dem Ort Richtung Napoleonstein, die ersten paar Kilometer der Strecke kenne ich gut.

Und hier geht’s los: Schnee bis unters Knie, teilweise verharscht, und dazu ein ordentlicher Wind, der mir im Moment auf den Rücken bläst. Erst mal Tempo rausnehmen und den eigenen Tritt finden. Mensch ist das anstrengend, ich bin aber auch gerade erst los. Bei jedem Schritt neues Versinken, Bein rausziehen, vorsetzen, hält die Schneedecke?, nein, also neuerliches Einsinken… Erste Zweifel kommen mir, da will ich ehrlich sein. Was stand noch mal handschriftlich auf dem Anmeldetisch? „Die 42-km-Tour ist heute nicht zu empfehlen“ Das gibt mir für viele der nächsten Kilometer zu denken.

Endlich auf dem Napoleonstein. Wie sieht eigentlich so eine Stempelstelle aus? Sitzen da den ganzen Tag Leute mit dicken Wolldecken und warten auf stempelwütige Sportwanderer? Wohl kaum. Der Stempel hängt an einem Strick in der zugigen Schutzhütte. Karte raus, Stempel rein, weiter gehts. Das war Nummer eins, sechs weitere werden noch folgen – wenn ich 42 Kilometer laufe… Doch Schluss jetzt mit dem Gegrübel, darüber kann ich am entscheidenden Abzweig noch genug nachdenken.

Jetzt erst mal runter vom Berg und hinüber nach Rossendorf. Hinter der Haltestelle ab in den Wald. Neue Hindernisse tauchen vor mir auf: geht diese nette Wandergruppe eigentlich absichtlich so langsam? Allerdings: wenn ich überholen will muss ich in den tiefen Schnee rechts oder links des Pfades, aber dann wiederum bin ich so langsam, dass ich sie nicht mehr überholen kann. Entschuldigung bitte… Danke. Jetzt um die Dynamitfabrik rum, noch ein paar Waldschneisen, Stempelstelle zwei. Auch hier immer noch Wanderer ohne Ende, mir stellt sich die Frage, wie es hier wohl nächstes Wochenende aussieht? Vollkommen menschenleer vermutlich.

Die kurze 15-Kilometer-Tour biegt hier links ab, nach rechts sieht es schon merklich weniger begangen aus. Blöderweise gibt’s in Folge eine Reihe von Gabelungen und Kreuzungen, und die Markierungsfähnchen hängen weniger dicht als bisher. Ich muss mitunter die Karte rausholen. Der Vorteil daran: ich entdecke eine Abkürzung. Statt um diese große Wiese drumherum könnte ich gleich quer über sie rüber, so wie schon der Skifahrer vor mir. Strenggenommen ist das ja Beschiss an der Strecke, aber meine leichten Gewissensbisse verwirbeln fast sofort im Schnee. Was ich hier an Weg spare setze ich an Zeit doppelt und dreifach wieder zu. Ach ja, die guten alten Naturgesetze…

Kurz vorm Abzweig zu den 42 Kilometern setzt sich jemand an meine Fersen. Ein Typ mit Bergschuhen und Gamaschen und vollkommen ohne Gepäck. Er bewegt sich im Laufschritt. An der Gabelung hat er mich eingeholt, fragt kurz, wo es hier zur 42er geht und verschwindet im jetzt nur noch wenig vorgespurten Schnee. Ihm folge ich den ganzen restlichen Tag.
Auf den nächsten Kilometern folgt die Tour dem Hörnelweg. Überall liegt viel Schnee, die Fichten tragen weiße Hauben, Rehe, Hirsche und Schweine haben ihre Spuren hinterlassen. Auf eine Wiese in der Fischbacher Gegend scheint die Wintersonne. Die Bänke daran laden nicht zum Setzen ein, höchstens könnte ich mich auf eine herausschauende Lehne knien. Ich teile die Etappe bis zum nächsten Stempel in Unteretappen ein: hier der Feldanfang, da eine Straßenüberquerung, dort die Gabelung mit der roten Markierung. Das Tempo liegt im Spazierbereich, ich schätze ungefähr drei bis vier Kilometer pro Stunde.

Der nächste Stempel an der Straße nach Stolpen, die Burg ist schon gut zu sehen, sehr weit kann sie nicht mehr sein. Bis hierher ging’s recht gut, denke ich mir, der Zeitplan stimmt so einigermaßen, die Südostecke der Gesamttour ist erreicht. 200 Meter Straße, das läuft sich ja erstaunlich fix auf Asphalt. Und da ist sie schon: die Viertel- oder auch Halbmeilensäule – darüber streiten hier die Karten. Hier also ab von der Straße und links aufs Feld. Meine Sorgen werden wahr: Tiefschnee ohne irgendeine Spur! Schon seit Weißig habe ich befürchtet, dass hier, auf dem Teil der Strecke, der gerade nach Norden Richtung Massenei und dazu noch über offenes Feld führt, der straffe Ostwind innerhalb weniger Minuten alles zuwehen wird, was etwaige Vorwanderer hinterlassen haben. Ich gehe erst mal einen Kilometer bis zu einer Wegmarkierung, und ziehe mir vorsorglich die Gamaschen über - wann, wenn nicht jetzt? Weiter geht`s über offenes Feld an den neuen Windmühlen vorbei, die bei dem Wind einen bizarren Sound über die Landschaft legen. Noch eine Straßenquerung, noch mehr Feld, der Wind vereist meine linke Gesichtshälfte trotz Mütze und zwei Kapuzen. Und langsam bin ich, der Schnee lässt einfach kein höheres Tempo zu. Wann kommt endlich Seeligstadt?

Im Ernst: hier habe ich angefangen, mich ernsthaft zu fragen, ob ich das unter diesen Bedingungen schaffen kann.

Endlich in Seeligstadt. Ein Bahnübergang mit Schranken, dahinter verliert sich der Weg im Tiefschnee. Da: ein Sportplatz mit Casino, die haben bestimmt einen Straßenzugang. Da muss ich hin, quer über den Bolzplatz. Kurzzeitig reicht mir der Schnee bis zur Hüfte, ich muss lachen über so einen Irrsinn. Da wühlt man sich den ganzen Tag durch Berge von weißem Zeug, und das für nix – fetzt!

Raus aus Seeligstadt und rauf aufs nächste Feld. Immer noch Seitenwind, aber die Gehbedingungen sind etwas besser, da der Weg auf dem Feldscheitel verläuft und verhältnismäßig schneefrei gepustet wird. Zumindest manchmal. Nach einigen Kilometern endlich wieder schützender Wald und auch die nächste Stempelstelle. Tee trinken. Ich bin jetzt an der Nordostecke der Tour, was Halbzeit bedeutet. Es ist früher Nachmittag und mir ist vollkommen klar, dass es bis zur Dämmerung nicht bis Weißig zu schaffen ist. Wie weiter? Abbruch? Zum Bahnhof in Großröhrsdorf? Erst mal bleibe ich weiter auf der Strecke, auch Kleinröhrsdorf hat einen Haltepunkt. In der Schutzhütte an der übernächsten Gabelung noch mal eine längere Pause, Tee und die restlichen Brote. Ich beschließe, dass es bis Kleinröhrsdorf sinnvoller ist.

Wiederum gestaltet sich der Weg schwieriger als erwartet. Die Massenei ist von breiten Forststraßen durchzogen, die auch jetzt mitunter vom Forst befahren werden. Das ergibt zwei hübsche Spurrinnen. In diesen rutscht man allerdings erbärmlich hin und her. Wenn es mal keine Autos gibt (häufig), gibt es immer noch Skifahrer. In den Loipen kann man so einigermaßen gehen, aber hinter jeder Ecke könnten weitere Skifahrer warten – mit Stöcken… Also doch durch den Tiefschnee und eigene Spuren machen. Mitunter ist das tatsächlich die beste Variante, weil ich mich nicht an die Schrittlänge der vor mir Gehenden anpassen muss.

Kleinröhrsdorf, schnell durch. Auf dem Taubenberg liegt der nächste Stempel, den hole ich mir auf jeden Fall. Die Straße dahin ist geräumt, trotz Steigung kommt man also erstaunlich schnell voran. Der Stempel hängt an einem Gartentor, die Aussicht ist grandios. Tief verschneite Kuppen und Berge, so weit das Auge reicht. Sonnige Flecken auf allen Feldern.
Ich bin jetzt an der Nordwestecke, drei Viertel der Tour sind geschafft. Ich fühle mich verhältnismäßig gut und beschließe, bis Weißig durchzulaufen.

Zunächst nach Wallroda. Durch ein kleines Tal, vorbei am Felixturm, und da ist ja schon der Ort. Im Cafe ist der nächste Stempel, oder besser: er war da. Die Orga ist schon vor Stunden abgezogen und hat Teestand und Stempel mitgenommen. „Hier kommt doch heute keiner mehr.“ Der Kellner ist so freundlich und hilft mir mit dem Cafe-Stempel weiter. Hinter Wallroda ist es schon langsam dunkel. Dafür gibt’s auf den nächsten Kilometern breite, geräumte Verbindungsstraßen zwischen den Dörfern, die allesamt vereist sind.
Hinter Kleinwolsdorf taucht vor mir ein einsamer Wanderer auf. Ist es der Marathon-Mann vom Vormittag? An der Brücke bei Kleinerkmannsdorf habe ich ihn – er ist es nicht. Den Rest des Weges bis Weißig gehen wir zusammen. Der Stempel auf dem Bischofsweg ist auch schon weg. Mittlerweile ist es vollkommen dunkel, wir verpassen beinahe den Abzweig Richtung Ullersdorf. Noch mal übers Feld, aber vor uns liegt jetzt schon das nahe Ziel. Auf dem Golfplatz fällt mir auf, dass ich Schatten werfe. Ein Blick zurück klärt das Rätsel: tief über dem Horizont steht ein riesiger, gelber Vollmond und beleuchtet uns den Weg.

Hinunter nach Weißig, durch Gewerbe- und Wohnpark und zurück zum Ausgangspunkt. Als wir ankommen schließen gerade die Türen. Unsere Stempelkarten geben wir noch ab, bevor der Bus kommt. Es ist sieben Uhr, eigentlich noch früh am Tag, aber ich bin ziemlich fertig, wie sonst selten nach dieser Distanz. Der viele Schnee, das ewige Spuren und Stapfen und Einbrechen und Schieben kostete unglaublich viel Kraft.

Später im Jugendhaus in Pieschen: Vereinsgeburtstag, qualmendes Feuer, Beine hoch und Bier auf. Doch danach kam nochmal der Hammer: der schier endlose Weg zur Haltestelle…

Ralf

27.12.2008: Ein Tag durch den Šluknover Winkel - von Oybin nach Bad Schandau im Winter

Heute mit dabei: Matze Knorkator und Siggi.
Der „Plan“: Vom Oybiner Matratzenlager ins Kirnitzschtal. Das Geld für den Zug lässt sich nämlich immer sparen.
Nach Weihnachten fuhren wir zu dritt nach Oybin. Nicht das es bei uns jungen Menschen sonderlich viel Speck vom zum Feiertage in familiärer Runde weggeputzten toten Vieh abzuarbeiten gegeben hätte. Vielmehr reizte uns die sprichwörtliche Ruhe im Oberlausitzer Musterdorf - und Weihnachten hat ja auch immer was Besinnliches, sagt man.
Vielleicht ließe sich dabei auch noch die ein oder andere Jahresletzte bewerkstelligen. Viel Schnee liegt nicht, und zur Not muss halt gesprungen werden - das geht bekanntlich immer. Doch dazu vielleicht an anderer Stelle mehr. In diesem Bericht geht es hauptsächlich um die Rückreise.

Diese nahte eines Tages und es kam, wie es immer kommt. Des abends saßen wir beim Biere, und plötzlich stand die Frage im Raum: „Wollen wir nicht rückzu laufen?“
Ja freilich ist es weit, die Tage sind die kürzesten im Jahr, das Thermometer zeigt konstante fünf Grad unter Null… Aber immerhin kennt einer den Weg und wir sind im Besitz von zwei Stirnlampen. Dann kann ja eigentlich nichts mehr schief gehen!
Trotz guter Vorsätze wurde die Nacht noch recht lang, Aufbruch am nächsten Morgen ist erst gegen neun. Die Strecke bis Hinterhermsdorf beträgt so ca. 45 Kilometer, die Höhenmeter nicht mitgerechnet. Die Kartenlage ist ein wenig unübersichtlich, was wohl vor allem an der zweifachen Überschreitung der Landesgrenze liegen mag. Auf jeden Fall wird es einer der längeren Tage.
Von Oybin durch gut bekanntes Terrain zunächst der Aufstieg zum Stern, dem Hügel Richtung Jonsdorf. Wieder hinunter ins Tal, an der Bergwacht vorbei und - die Frage ist fast schon obligat: wie geht der Weg noch mal durchs Dorf? Böhms Karten helfen und klären das Problem, schnell geht’s weiter an der Gondelfahrt vorbei. Wunderschön die winterlich weißen Nonnenfelsen in der Höhe. Das Tal dahinter wieder hoch und auf langem, sanft ansteigenden Forstweg nach Waltersdorf. Ich hänge weit hinter den anderen zurück, gehe langsam den Berg hoch. Meine Stärke ist mehr so der Endspurt, am Tourbeginn bin ich immer der Langsamste. Vielleicht auch, weil ich diese Tour heute schon das fünfte Mal wandere und um ihre Tücken weiß?
Die Lausche oberhalb von Waltersdorf glänzt und glitzert vor Schnee und jeder Menge dicken Raureifs. Darüber einer dieser dunkelblauen Winterhimmel. Alles ist voller Kontrast, frisch und sauber und kalt fühlt es sich an. Ich bin guten Mutes, bis ins Kirnitzschtal sollte es keine Probleme geben, auch wenn wir mit großer Wahrscheinlichkeit ins Dunkel kommen werden.
Den Aufstieg auf die Lausche sparen wir uns heute, stattdessen weiter auf dem Kammweg Richtung Weberberg. Erst als wir obendrauf stehen merken wir, dass wir zu weit sind und den Abzweig hinüber ins Böhmische verpasst haben. Also zurück, hier ist die Markierung, mit schnellem Schritt über vereisten Waldboden den langen Ziegenrücken hinunter ins Tal von Jiřetín-Lesné. Es ist Mittag.
Auf dem Weg zum Tollstein kommen wir am Lokodepot vorbei. Hier waren die definitiv ersten offiziellen Ferienlager vom Roten Baum, das muss 1994 oder sogar schon 1993 gewesen sein… Ich hänge wieder ewig hinterher, betrachte die halb eingesunkenen Umgebindehäuser beiderseits des Weges. Ach ja, wenn ich mal richtig alt bin - ein Büdchen mit einem Bänkchen, dazu ein Kätzchen und auch ein Käffchen…
Am Tollstein halten wir die erste längere Rast, bis Hinterhermsdorf sollte es annähernd die Hälfte sein. Die Sonne scheint, es ist fast warm und wir dampfen vor uns hin. Die Laune ist gut.
Hinter dem Berg, aber noch vor dem gleichnamigen Dörfchen Jedlová dann mal wieder so ein Klassiker. Bergab bin ich jetzt notorisch schneller und biege schon mal rechts in die Richtung Ort der Markierung folgende Kastanienallee ein. An der Kneipe am Ortsausgang werde ich warten, so der Plan. Nach zehn Minuten kommen mir erste Bedenken - so schnell war ich nun auch wieder nicht. Noch ein paar Minuten und ich konsultiere die Karte. Sofort wird klar: an der Stelle, wo es rechts markiert in den Ort runtergeht sind die beiden einfach geradeaus gegangen und schon nach wenigen 100 Metern an der Kneipe gewesen. Eine neue Abkürzung also. Ergo sind sie jetzt vor mir und nicht hinter mir. Einholen ohne überholen nennt man so etwas. Ihr Vorsprung beträgt ca. eine Viertelstunde, was bei unserem relativ hohen Tempo mindestens einen, wenn nicht fast zwei Kilometer macht. Jetzt also fix. Denn: ich weiß, wie der Weg weitergeht, außerdem habe ich die Karten (Matze und Siggi dagegen nicht), und: ich habe eine der beiden Stirnlampen…
Kurz und knapp: es wurde ein heilloses Geaste, meinen langsamen Bergauf-Trott konnte ich vergessen, Bahnhof und Sägewerk Chřibská flogen nur so vorbei und schon kurz vor Rybniště hatte ich sie wieder ein, ungefähr acht Kilometer später. Seltsamerweise hielt sich ihre Überraschung, mich von hinten kommen zu sehen, in Grenzen. Vermutlich wären sie einfach immer weiter gegangen, und weiter, und weiter…
Rybniště ist nicht unbedingt das, was man einen hübschen Ort netten kann. Eine dicke Straße rauscht hindurch, Fußwege sind Fehlanzeige, die Bushaltestelle ist vermüllt und vereinsamt. Nicht einmal die berühmte böhmische Dorfschänke ist uns begegnet. Aber wenigstens echt tschechische Hunde und Katzen streunen durchs Dorf.
Der weitere Wegverlauf bedürfte eigentlich dringend einer Überarbeitung - fünf Kilometer Straße bis Doubice bei leichter Hanglage ermüden die Füße. Wenigstens ist vor uns schon die Rückseite der Böhmischen Schweiz zu sehen.
In Doubice wohnt mindestens ein Sammler alter Militärtechnik. Er scheint erfolgreich.
Langsam wird es Zeit, Richtung Kirnitzschtal zu kommen. Da weder Matze noch Siggi die Gegend kennen habe ich den Vorzug des Wegweisens, und mir für die weitere Strecke schon ein paar Gedanken gemacht. Zunächst hinter dem Ort rechts hoch zum Berg Bor und weiter zur Eustachiushütte. Jetzt wird’s kniffliger: der normale Weg würde von hier hinunter nach Na Tokáni gehen und dann in einem weiten Bogen nach Norden zurück zur Jungferntanne (panenské jedle). Ich kenne aber eine Abkürzung, bei der man oberhalb des Harzgrundes quert und unverhofft kurz vor der Jungferntanne wieder auf den Hauptweg stößt. Hier hat uns die Dämmerung schon ziemlich eingeholt, der mehr als meterhoch mit kleinen Fichten zugewachsene Weg ist aber noch kein Problem. Zur Jungferntanne rennen wir fast - die Dunkelheit sitzt uns im Nacken, und wir wissen, dass es noch ein ganzes Stück Weg ist bis Hinterhermsdorf.
Siggi lahmt etwas und bleibt mitunter zurück. Weiter geht’s auf blauer Markierung (als würde man noch Farben unterscheiden können) ins Tal in Richtung Natternborn (hadi pramen), aber vorher biegen wir links ab ins Rote Floß, durchs Schwarze Tor hinunter zur Kirnitzsch. Nach meiner provisorischen Berechnung ist das der kürzeste Weg. Er hat nur einen Nachteil: früher gab’s hier eine Brücke über den Fluss, aber die ist seit Jahrzehnten weg. Da die Kirnitzsch ungefähr nie zufriert ziehen wir die Schuhe aus und die Hosen hoch und waten durch das knietiefe, eiskalte Wasser. Ein Schock für die heißen Füße nach 40 Kilometern Wandern. Und vermutlich auch ein lustiges Bild: wir drei im stockdunklen Wald bei minus fünf Grad im Wasser wie die Störche.
Auf der deutschen Seite lauern gleich die nächsten Schikanen. Seit vielen Jahren bemüht sich die Nationalparkverwaltung hier um einen möglichst lückenlosen Verhau des alten grenzüberschreitenden Wanderwegs von der Balzhütte nach Hinterhermsdorf - ohne nennenswerten Erfolg zwar, aber das Gekraxel durch all die umgesägten und ins Tal geworfenen Bäume nervt doch gewaltig, vor allem mit nur zwei Stirnlampen, die spätestens ab jetzt im Dauereinsatz sind.
Oben angekommen nach links zum Hermannseck, dass es rechts liegt merke ich leider erst nach einem reichlichen Kilometer. Mist, wieder zurück, hier waren wir gerade, jetzt zum Hermannseck hoch und weiter über Wettinplatz, Buchenparkhalle und übers offene Feld direkt ins Erbgericht Hinterhermsdorf.
Es ist gegen sieben, wir ordern erst mal ein Bier und sind zufrieden mit der Tour und uns. Matze erspäht Bekannte und wittert eine mögliche Autofahrt nach Schandau. Erstaunlich jedoch: die Befragten übernachten im Erbgericht.
Nun gut, schnell noch ein Bier und schon sind wir wieder auf den Beinen. Unsere Kreativität haben wir in der Schänke gelassen, jetzt geht’s nur noch stumpf die Straße ins Kirnitzschtal hinunter. Der letzte Bus ist sowieso weg, wir hoffen auf ein Auto. Da kommt schon eins, jawoll, es hält, fährt aber nur nach Ottendorf. Wir fahren mit bis zum Abzweig, denn dort befindet sich die Buschmühle, und da ist bekanntlich immer jemand, den man kennt, der heute noch nach Schandau fährt und uns zur S-Bahn bringt. Also rein in die Hütte. Na wer sagt`s denn: proppevoll ist es hier noch. Aber warum ist es so leise, und wohin gucken hier alle? Oha, ein Schulungsabend der Bergwacht Sebnitz. Na gut, kann ja nicht ewig dauern. Matze erspäht schon wieder Bekannte (war ja vorher klar), wir trinken erst mal ein Bier und hören zu. Doch wiederum erstaunlich: einfach alle in der Kneipe fahren heute zurück nach Sebnitz (was sollen wir dort?) oder übernachten im Etablissement.
Offensichtlich führt Wandern über längere Strecken zu schwerwiegenden Verwehungen im Gehirn. Statt zu diesem Zeitpunkt das einzig sinnvolle und richtige zu machen, nämlich den Abend in der Kneipe ausklingen zu lassen und uns ein Zimmer zu nehmen, laufen wir noch mal los. Ein Bier für den Weg nehmen wir noch mit. Motto: Wenn ein Auto angehalten hat hält auch noch ein zweites. Es ist halb zehn, aber immerhin haben wir für den Notfall die Nummern der Taxiunternehmen von Sebnitz und Bad Schandau.
Die Straße zieht sich endlos: Neumannmühle, Felsenmühle, Tiefer Hahn, die Kirnitzschwiesen, Lichtenhainer Mühle. Und immer Straße, wir kommen gerade aus Oybin. Und natürlich kein Auto…
Seit der Buschmühle hinkt Siggi deutlich sichtbar - vermutlich die Dauerbelastung der Knie bei den niedrigen Temperaturen. Er fällt zurück, hat aber immerhin eine eigene Stirnlampe. An der Lichtenhainer Mühle dann wirft Matze das Handtuch und kramt nach seinem Handy. Kein schlechter Platz, fast nirgendwo im Tal ist besserer Empfang als 200 Meter oberhalb der Kirnitzschwiesen. Mit schweren Beinen steigt er erst über die Leitplanke und dann den Hang hinauf.
Erster Versuch: „Hallohallo? HALLO! JA, ein Taxi bitte…“ Tut tut tut… Höher am Hang der zweite Versuch: „ HALLO! HALLO! JA? Wir hätten gern ein Taxi, wir sind im Kirnitzschtal an der – RALF, WIE HEISST DAS HIER?“ Ich kommuniziere zurück. Funkstille – Matze tobt am Hang. Siggi und ich müssen aufpassen, dass wir nicht zu laut lachen. Dritter Versuch noch weiter oben, so etwas ähnliches wie ein Telefonat ist zu hören. Sie schicken ein Fahrzeug, wenn eins frei wird. Zweifel bleiben.
Also weiter das endlose Kirnitzschtal hinunter. Matze hat eine Stinklaune und stürmt im Dunkel vor uns her. Ab und an flucht es zwischen den Bäumen, Gegenstände fliegen durch die Luft.
Lichtenhainer Wasserfall, Haidemühle, Beuthenfall ziehen vorüber. Kein Taxi… Erst kurz vorm Zeltplatz an der Ostrauer Mühle kommt es. Wir treiben den Fahrer zur Eile, die letzte S-Bahn im Blick. Er fährt bei Rot, menschenleere Kreuzungen, das Trinkgeld ist reichlich. Endlich Bad Schandau, es ist halb eins mitten in der Nacht.
In der S-Bahn wird geschlafen, sie fährt ja eh nur noch bis Hauptbahnhof…
Ralf